Geschichte des Wiener Renn-Vereins und des Galopprennsports in Wien

 

Die Geschichte des Wiener Renn-Vereins ist eng mit jener des Wiener Galopprennsports verbunden:

Am 30. März 1826 wurde der „Wiener Wettrenn-Ausschuß” als Vorgänger-Organisation des heutigen Wiener Renn-Vereins gegründet. Er organisierte die jährlichen Galoppwettrennen auf der Simmeringer Haide, war als Aktiengesellschaft konstituiert, und umfasste anfänglich 163 Mitglieder, worunter sich ein regierender Herzog, 37 Fürsten, 93 Grafen, ein Marquis, 18 Barone usw. befanden. Den ersten Wiener Wettrenn-Ausschuß bildeten die Fürsten Trauttmansdorff, und Alois von Liechtenstein, die Grafen J. Hunyady, G. Károlyi, Th. Nádasdy, K. Esterhazy, M. Esterhazy und Fr. Harrach. 


Für die ersten 12 Jahre des Wiener Wett-Renn-Ausschußes sind folgende Rennstatistiken überliefert:
1826: 4 Renntage, 39 gestartete Pferde
1827: 6 Renntage, 27 gestartete Pferde
1828: 5 Renntage, 36 gestartete Pferde
1829: 4 Renntage, 36 gestartete Pferde
1830: 5 Renntage, 51 gestartete Pferde
1831: 4 Renntage, 34 gestartete Pferde
1832: 5 Renntage, 29 gestartete Pferde
1833: 4 Renntage, 32 gestartete Pferde
1834: 4 Renntage, 32 gestartete Pferde
1835: 4 Renntage, 33 gestartete Pferde
1836: 4 Renntage, 27 gestartete Pferde
1837: 4 Renntage, 38 gestartete Pferde

1839 wurden unter dem Vorsitz von Fürst Alois von Liechtenstein folgende Proponenten gewählt: 

Die Fürsten P. Auersperg, P. Esterházy, N. Esterházy, Alois und Wenzel von Liechtenstein, Paar und F. Trauttmansdorff sowie die Grafen E. Wrbna, M. Esterházy, L. Károlyi, Jos. Hunyady, Th. Nádasdy und R. Wrbna. 

Der Ausschuß bestellte sodann aus seiner Mitte die Funktionäre für die Rennsaison 1840: 

• Präsident: Alois Liechtenstein
• Stewards: Mich. Esterházy, Th. Nádasdy, F. Trauttmansdorff
• Kassagebarung: L. Károlyi
• Rennbahnangelegenheiten: Th. Nádasdy, Jos. Hunyady
• Zielrichter: Graf von der Schulenburg
• Sekretär: Eugen von Stubenrauch 

Die Zusammensetzung der Leitung wies damit gegenüber den vorangegangenen Jahren, also seit der Gründung 1838, keine Änderung auf. Sie unterschied sich auch kaum von der Führung des Wettrenn-Ausschusses im letzten Tätigkeitsjahr (1837). Laut Wiener Theater-Zeitung 1837, Seite 364, agierten damals als Vorstand Alois Liechtenstein und als Steward Fr. Harrach, Th. Nádasdy und F. Trauttmansdorff.

Ab 1854 trat an die Stelle der Wiener Pferderennen-Gesellschaft ein Wettrenn-Comité, ab 1857 für ein Jahr der Central-Verein als Organisator in Erscheinung. 

In diesen wechselreichen Jahren wird im Journal „Sport“, welches als offizielles Organ des Österreichischen Renn-Vereins agierte, in der Nr. 22 des Jahres 1865 (S. 206) bezüglich der Freudenauer Rennbahn folgendes festgehalten:

Diese neuen Einrichtungen werden den von Jahr zu Jahre wachsenden Aufschwunge, welche die Wiener Bahn nimmt, entsprechen und ihre Durchführung als ein neues nicht zu unterschützendes Verdienst zu den erfolgreichen Bemühungen hinzutreten, welche der gegenwärtige Präses (Anm. Graf Edmund Zichy) des Wettrenn-Comités, seit der die Geschäfte des im Jahr 1854 aus der Asche wieder entstandenen Rennvereines übernommen, dieser Institution zugewendet hat.“

Ab 1858 trat der Wiener Wettrenn-Verein als Veranstalter auf, welcher mit Erlaß des k.k. Innenministeriums vom 21. März 1858, unter Präsident Graf Franz Harrach konstituiert wurde. Der provisorischen Vereinsleitung gehörten die Grafen Johann Waldstein und Edmund Zichy an. Das Richteramt übten die Grafen G. Stockau und Geyza Festetics aus, an der Waage amtierte Graf Edmund Zichy, als Starter und Vereinssekretär fungierte Francis Cavaliero. Die Veranstaltung und Durchführung der Rennen war bis 1868 dem Wiener Wettrenn-Verein übertragen, der als Veranstalter der Rennen in Österreich insb. in der Freudenau fungierte.

Am 23. Mai 1868 fusionierte der Wiener Wettrenn-Verein als Betreiber der Rennbahn Freudenau mit dem Jockey-Club. Der Wiener Wettrenn-Verein war 1868 imstande, eine voll funktionierende, bestens organisierte Institution, wie ein rechtlich geordnetes Rennwesen, einzubringen. In den darauffolgenden Jahrzehnten nahm der Rennsport in Österreich-Ungarn einen erheblichen Aufschwung. Es sind hier insb. folgende Persönlichkeiten zu nennen:

Picture Credits: Kinsky, Der Pferdesport in Österreich (1932) Bildnachweis: Kinsky, Der Pferdesport in Österreich (1932)

 Alexander und Aristide Baltazzi,

Graf Nicolaus Esterhazy,

Graf Carl Kinsky,

Hector Baltazzi

Baron Gustav Springer,

Graf Tekeli,

Baron Oppenheim.

General d K Nikolaus Graf Pejacsevich

Graf Anton Aponyi

Die rasante Aufwärtsentwicklung und Ausweitung des Rennbetriebs (1883: 22 Veranstaltungen mit 138 Rennen) führte zur Gründung neuer Events, von denen sich einige zum Teil bis heute erhalten haben. Zu nennen sind u.a. das Große Wiener Handikap, 1885; Große Freudenauer Handikap, 1885; Graf-Nikolaus-Esterházy-Memorial, 1886; Graf-Hugo-Henckel-Memorial, 1889

Mit dem Zerfall der österreichisch-ungarischen Monarchie und den darauffolgenden Jahren schwand jedoch der Rennbetrieb und überstiegen insbesondere in den Jahren 1919 und 1925 infolge der Wirtschaftskrise nach dem 1. Weltkrieg, die Verluste die Einnahmen des Rennbetriebes. In den Jahren 1925 und folgende wurde der finanzielle Druck immer größer und rückte die Gefahr einer gänzlichen Auflassung des Rennbetriebes immer näher. 

Am 1. Februar 1932 erfolgte schlussendlich wieder die Rück-Übernahme des Rennbetriebs vom Jockey-Club, womit zugleich die oberste Leitung in allen auf den Rennsport bezughabenden Dingen an die Renn- und Campagnereiter-Gesellschaft und ihren Präsidenten S.D. Fürst Kinsky überging.

Bildnachweis: Privatarchiv
des Wiener Renn-Vereins

Der 1. Februar 1932 ist somit ein historisches Datum in der Geschichte des österreichischen Pferdesports

Durch eine Zusammenlegung der beiden bisherigen Sektionen 1. (Herrenreiter) und 3. (Züchter und Besitzer) wurde schlussendlich der Wiener Renn-Verein am 7. März 1932 unter Vorsitz Seiner Durchlaucht des Fürsten Ulrich Ferdinand Kinsky von Wchinitz und Tettau als Präsident der Renn- und Campagnereiter-Gesellschaft eigens wieder neu-gegründet und dem Wiener Renn-Verein in eigener Verantwortung das gesamte Rennwesen wieder rückübertragen. 

Nach Erledigung der verwaltungstechnischen Maßnahmen, wozu auch die Errichtung eines Rennsekretariats in der Mahlerstraße (Hotel Bristol) gehörte, musste mit Volldampf die neue Saison, bis zu deren Eröffnung nur mehr ein äußerst geringer Spielraum blieb, vorbereitet werden.  

Der Wiener Renn-Verein war Korporativ-Mitglied der Campagnereiter-Gesellschaft. Ihre damaligen Mitglieder hatten Anspruch auf Aufnahme als Mitglied in den Renn-Verein. Auch Damen, welche Familienangehörige eines Mitglieds oder selbst Rennstallbesitzerin waren, konnten als außerordentliche Mitglieder aufgenommen werden. Sitz des Wiener Rennvereins war vorerst das Hotel Bristol, Mahlerstraße 6, 1010 Wien. In der Mahlerstraße war auch das Renn-Sekretariat beheimatet. 

Zweck des Wiener Renn-Vereins war die Förderung der österreichischen Warmblutzucht und Prüfung ihrer Produkte sowie die Pflege des Rennsports. Unter der Führung des Wiener Renn-Vereins erlebte der Rennsport in Österreich nochmals eine großartige Blüte. 

Nach Rücktritt des Präsidenten Fürst Kinsky wurde am 9. Jänner 1937 Feldmarschalleutnant/Generalmajor Dr. Carl Graser zum Präsidenten gewählt.

Bildnachweis: W. Binnebös, Galoppsport in Wien, Wiener Rennverein, Philipphof 1, Augustinerstraße 8

Die Unruhe der Zeiten sollte diese Bestellung nicht auf Dauer belassen. Nach dem Anschluß an das Dritte Reich wurden die Satzungen geändert, das Direktorium unter Anton Graf Apponyi trat zurück und die Clublokalitäten übersiedelten in die Räumlichkeiten des behördlich aufgelösten Jockey Clubs in den Philipp-Hof, welcher im Februar 1945 samt allen Unterlagen und Archiven des Clubs einem Bombenangriff zum Opfer fiel. 

Im August 1945 wurde der Wiener Renn-Verein schließlich reaktiviert und unternahm alles, um dem Rennsport wieder auf die Beine zu helfen. Der Rennplatz in der Freudenau konnte mit Hilfe der engl. Besatzungsmacht wieder aufgebaut werden und am 14. April 1946 mit dem Preis von Wien wieder das erste Rennen abgehalten werden.

Da das alte Clublokal im Philippshof den Bomben zum Opfer gefallen war, musste ein neues Clublokal gesucht werden.

Bildnachweis: Privatarchiv
des Wiener Renn-Vereins

Nach einem Zwischenspiel in der Stiegengasse fand der Wiener Renn-Verein schließlich 1946 im Palais Pallavicini seine neue Unterkunft.Dort wurde am 30. März 1946 Vizekanzler und Minister für Industrie Dr. Eduard Heinl als Präsident des Clubs und ranghoher Repräsentant der ersten österreichische Regierung unter Bundeskanzler Leopold Figl gewählt. 

Bildnachweis: Privatarchiv
des Wiener Renn-Vereins

Seit damals ist der Wiener Renn-Verein ausdrücklich eine unpolitische Vereinigung, seine Clubräumlichkeiten dienen der Pflege der Geselligkeit, internationaler Beziehungen und kulturellen Zwecken. Gleichzeitig genießt der Wiener Rennverein weiterhin eine Nähe zu Hofburg und Diplomatie.

Nebst der Rennbahnleitung ist der Wiener Renn-Verein nach dem zweiten Weltkrieg auch ein Zentrum politischer Empfänge und Veranstaltungen. Staatsbankette, und Konterdinner zeigen die herausragende Bedeutung des Wiener Renn-Vereins als Herren-Club bis heute. 

Präsidenten des Wiener Renn-Vereins ab 1932

1932: S.H. Fürst Ulrich Ferdinand Kinsky von Wchinitz und Tettau
1937: Generalmajor/Feldmarschall Dr. Carl Graser
Anton Graf Apponyi von Nagy-Apponyi
1938: Graf Carl von Khuen-Lützow
1946: Vize-Kanzler der Republik und Minister für Industrie Dr. Eduard Heinl
1957: Friedrich Freiherr von Haymerle
1973: Bankier Peter Winterstein
1982: RA Dr. Victor Sprosec
1995: Franz Graf Marenzi von Tagliuno e Talgate
2006: Graf Ulrich von der Schulenburg

Bildnachweis: Privatarchiv des Wiener Renn-Vereins